Digitaltechnik: Die Schnur muss nass sein – und der Finger an der Schnur!

Beitrag enthält Werbung

Es ist mir schleierhaft, warum beim Jiggen nicht jeder mit dem Finger an der Schnur fischt.* Ich mache das, seit … Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, seit wann ich das mache. Ich bin auch nicht sicher, wem ich diese Inspiration ursprünglich zu verdanken habe. Waren es die alten Haudegen von Profi Blinker? War es ein anderes Urgestein der Spinnanglerszene? Auf jeden Fall waren es irgendwelche Videos (VHS!), auf denen irgendwer seinen Finger an die Schnur gehalten hat, mit der Folge, dass ich mir diese Technik irgendwann irgendwie angeeignet habe. So weit ich weiß, hat diese Technik komischerweise keinen halbwegs etablierten Namen. Da der Finger in der Biologie digitus heißt nenne ich sie mangels besserer Alternativen hier mal Digitaltechnik.

Mir ist schon klar, dass sehr viele, sehr gute Angler Köderführung und Bisserkennung sehr erfolgreich anderweitig kontrollieren. Die Behauptung ist also nicht, dass man mit der Digitaltechnik besser fängt. Sondern dass sie das Spinnfischen komfortabler, vor allem aber noch viel adrenalinschubreicher macht.

Bei den optischen Techniken (Blick auf die Rutenspitze, Blick auf die Schnur) ist das ziemlich offensichtlich: Man muss dauernd konzentriert irgendwo hinstarren, anstatt dass man – wie bei der Digitaltechnik – entspannt umherschauen kann. Endgültig an ihre Grenzen kommen die optischen Techniken spätestens, wenn das Licht ausgeht: Außer unter künstlicher Beleuchtung lassen sich Schnüre und Rutenspitzen im Dunklen ziemlich schlecht erkennen. Dabei soll der ein oder andere Zander ja auch schon nachts gefangen worden sein.

Bei den anderen taktilen Techniken (Wahrnehmung über die Rute, Finger am Blank), gibt es diese Nachteile zwar nicht. Ich glaube aber, dass sie im Vergleich zur Digitaltechnik weniger zuverlässig, weniger sensibel, weniger präzise sind: Wenn man den Zeigefinger während der Absinkphase an die Schnur hält, spürt man überdeutlich, wenn eine verlorene Laube den vorbeisegelnden Gummifisch schmachtend anhaucht. Dieser Hauch ist, fürchte ich, selbst über den modernsten Blank und das fortschrittlichste Rollenhalterreizübertragungssystem kaum wahrnehmbar.

Vor allem aber kann beim Spinnangeln kein Biss direkter in den Cortex krachen als durch einen Schnurschlag in die Zeigefingerkuppe. Das ist eine Unmittelbarkeit wie beim Fliegenfischen, wenn der Einschlag in die Striphand ballert. Starkstromschläge und der satte Widerstand, der auf den Anhieb folgt – wofür lohnt sich der ganze Angelirrsinn sonst?

Manchmal höre ich, die Digitaltechnik sei schwer zu beherrschen, aber ich glaube das ist ein Irrtum. Ein bisschen Training sollte reichen. Wichtig ist eine eigene Routine zu entwickeln, wie man die Schnur zu fassen bekommt. Ganz gut geht das mit der Oberseite des Zeigefingers: Nach einer beliebigen Zahl von Kurbelumdrehungen die Schnur kurz oberhalb des Schnurlaufröllchens mit dem Zeigefinger (Fingernagelseite) stoppen. Ob fast direkt am Schnurlaufröllchen oder etwas darüber hängt davon ab, ob der Rollensteg zwischen Mittel- und Ringfinger oder zwischen Ring- und kleinem Finger liegt.

Dann umgreifen, indem man die Schnur mit der Fingerkuppe (Fingerabdruckseite) einfängt.

Das alles geht nur in der Position, in der das Schnurlaufröllchen dem Blank am nächsten ist, wenn es sich auf seiner Umlaufbahn um die Rollenspule also gerade zwischen Spule und Rutengriff befindet. An ihre Grenzen kommt die Digitaltechnik daher bei extrem kurzen Absinkphasen, sei es im ganz flachen Wasser, bei stark überbleiten Ködern oder weil die Laune der Fische solche verlangt. Absolutes Minimum an Schnureinzug ist, dass das Schnurlaufröllchen die Spule einmal komplett umrundet, weil man die Schnur zuvor nicht erneut zu fassen bekommt. Je nach Übersetzung entspricht das weniger als einer viertel Kurbelumdrehung. Da muss das Stoppen, Umgreifen, Loslassen und erneute Stoppen der Schnur dann allerdings so hochfrequent erfolgen, dass man kaum noch nachkommt. In solchen Fällen weicht man daher besser auf eine der anderen Techniken aus. Wobei dann immer wieder festzustellen ist, dass Angeln auch mit diesen ziemlich viel Spaß machen kann …

Tight Lines!

Jan

 

* Um Missverständnisse zu vermeiden: Mit Jiggen ist hier ganz allgemein das Angeln mit kopflastigen Ködern gemeint, bei dem eine kontrollierte Absinkphase eine Rolle spielt; egal, ob die Animation des Köder zwischen den Absinkphasen nun über Rute, Rolle oder beides erfolgt.

Speichere in deinen Favoriten diesen permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

1 × 3 =